English follows German

Das Forschungsprojekt „Soziale Arbeit als koloniales Wissensarchiv?“ untersucht die kolonialen Verflechtungen der Sozialen Arbeit im Zeitraum zwischen den 1880-er und 1930-er Jahren. Ein Ziel des Projekts besteht darin, die Entstehung der Profession im Kontext kolonialer Herrschaft zu analysieren und herauszuarbeiten, wie diese Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein wirkt. Darüber hinaus geht es darum, verdeckte, bisher ausgeklammerte, widerständige Schwarze (deutsche) Menschen, PoC und (post-)koloniale Migrant*innen als Akteur*innen im weiteren Kontext Sozialer Arbeit in Deutschland aufzuspüren und mitzudenken, wenn wir historiographisch arbeiten. Sogenannte “hidden figures” und Organisationen zu identifizieren und ihr Wirken sichtbar zu machen, betrachten wir als notwendige Aufgabe, um dominante Erzählungen von Sozialer Arbeit als weiß imaginiertes Arbeitsfeld zu unterbrechen, in denen sie – wenn sie erwähnt werden – lediglich als “passiv” und “hilfsbedürftig” oder als Opfer repräsentiert werden. 

Im Zentrum stehen Lehrforschungsprojekte in Ausbildungs- und Studiengängen von Sozialer Arbeit und Pädagogik, in denen Studierende und Schüler*innen eigene Archivstudien unternehmen und methodisch angeleitet koloniale Kontinuitäten innerhalb ihrer Professionen rassismuskritisch untersuchen. Auf dieser Grundlage entstehen Dokumentationen, Lehrkonzepte und -materialien für archivbasierte Lehrveranstaltungen. Diese sollen dazu beitragen, selbst- und machtkritische Bildungsprozesse anzustoßen und Impulse für dekolonisierende Ansätze in der Lehre zu setzen. 

Teil der Lehrforschungsprojekte sind rassismuskritische Workshops, die als freiere Räume für Reflexion eingebaut werden. Hier werden die unterschiedlichen Erfahrungen, Betroffenheiten und Bedarfe der Studierenden in Bezug auf die bis heute anhaltende Wirkmacht von Rassismus und kolonialer Gewalt, die aus den Archivalien spricht, erkundet und begleitet. Diese Gewalt ist nicht nur in den Archivalien, sondern auch in den verschiedenen, mehrheitlich weiße Perspektiven zentrierenden Lernsettings präsent. 

Historische Verbindungen von Sozialer Arbeit, Pädagogik und Kolonialismus

Unser Projekt setzt bei der Entstehung der modernen Sozialen Arbeit als Beruf an, die unmittelbar mit der Zeit der Kolonialherrschaft Deutschlands zusammenfiel. 1893 hatten die europäischen Kolonialmächte unter deutscher Federführung den afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt, ohne die lokalen Bevölkerungen und Regierungen einzubeziehen. Das Deutsche Reich war zur drittgrößten Kolonialmacht geworden. Im gleichen Jahr wurden aus dem radikalen Flügel der Berliner Frauenbewegung heraus die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit gegründet. Aus diesem Zusammenschluss gingen etliche Organisationen und auch Methoden der professionellen Sozialen Arbeit hervor, die teilweise bis heute fortbestehen bzw. noch heute von Bedeutung sind. Viele weiße deutsche Protagonist*innen in dieser „ersten Riege“ der Sozialen Arbeit waren zugleich auch in der kolonialen Bewegung aktiv und stellten Verbindungen zwischen den sozialen Initiativen der Frauenbewegung und kolonialen Organisationen her. 

Dem Credo „dig, where you stand“ folgend, richten wir den Blick auf die Geschichte von Einrichtungen, die aus dieser frühen weißen deutschen Frauenbewegung heraus entstanden sind und in denen wir uns als Forscher*innen selbst (beruflich) bewegen. Dazu zählt Alice Salomons 1908 gegründete „Soziale Frauenschule“, die damals gemeinsam mit dem Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin zu den wichtigsten Gründungsorganisationen der sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Berufe zählte. Beide Organisationen bestehen bis heute – inzwischen institutionell eigenständig – fort und verfügen über eigene Archive, die Zugang zur Untersuchung kolonialer Verflechtungen ermöglichen. 

Ungefähr gleichzeitig mit dem Beginn der sozialen Frauenausbildung wurde im hessischen Bad Weilbach die erste koloniale Frauenschule Deutschlands gegründet. Schulen wie diese richteten sich an weiße Frauen aus der Mittelschicht und verfolgten das Ziel, diese für ihre Rolle in deutschen Kolonien auszubilden. Diese von rassistischen und eurozentrischen Überlegenheitsvorstellungen geprägte Ausbildung umfasste hauswirtschaftliche Fertigkeiten, Pädagogik, Krankenpflege sowie „völkerkundliche“ Kenntnisse über die von Deutschland kolonisierten Bevölkerungen. Wir analysieren diese Kolonialschulen als eine Säule des kolonialen Projekts, welche deutsche Frauen als Verkörperung ‚deutscher‘ Ideale von Ordnung und Disziplin positioniert. Zu ihren Aufgaben gehörte es sich der „zivilisatorischen Mission“ in den Kolonien zu verschreiben und Deutschtum verbreiten.

In den Schulen wurde sich dafür (sozial)pädagogischer Wissensbestände bedient, die auch im Kontext von Schule und Allgemeiner Pädagogik eng mit kolonialen Herrschaftsideologien verknüpft wurden. Gleichzeitig propagierten sie ein Bild der weißen deutschen Frau als „Mutter der Nation“, die durch ihre „Kulturarbeit“ zur Stabilisierung kolonialer Herrschaft beitrug. Interessanterweise stand dies für die Feministinnen nicht im Kontrast zu ihren Emanzipationsbestrebungen.

Diese kolonialen Zuspitzungen der von der Frauenbewegung entfalteten Idee von Pädagogik und Sozialer Arbeit als „weiblicher Kulturarbeit“ wirkte nicht nur in den Kolonien als Herrschaftsinstrument, sondern auch in den Metropolen selbst. So finden sich koloniale Narrative zum Beispiel in Beschreibungen der Lebenswelten von weißen deutschen prekarisierten Adressat*innen, die häufig mit kolonialen Attributen belegt wurden, indem sie als „fremd“ und „unzivilisiert“ dargestellt wurden. Auch in Kontexten der internationalen Zusammenarbeit innerhalb der weißen Frauenbewegung und der Sozialen Arbeit trafen Rassismus und Kolonialismus nicht gerade auf Widerstand. Soziale Arbeit konstituierte sich vielmehr als weißer Raum, in dem eurozentrische Vorstellungen von sozialer Ordnung, Bildung, Arbeit und Familienleben handlungsleitend wurden.

Neben dieser der kritischen Weißseinsforschung verpflichteten Aufarbeitung des kolonialen Erbes von Sozialer Arbeit und Pädagogik steht das Anliegen unseres Forschungsprojekts, Perspektiven und widerständige Praktiken von BIPoC Personen im Zusammenhang mit der frühen Sozialen Arbeit und Pädagogik zu finden und als genuinen Bestandteil der Geschichte (sozial)pädagogischer Berufe zu untersuchen. Aufgrund der von historischen Machtverhältnissen geprägten (Nicht-) Überlieferungspraktiken und Erinnerungskulturen ist dieses Vorhaben essenziell auf die (historiographischen Forschungs-)Arbeiten von BIPoC Communities in Deutschland und darüber hinaus angewiesen, da diese oftmals als einzige zur historischen Präsenz und dem Wirken von BIPoC und konkret zu Menschen aus ehemals kolonisierten Ländern in Deutschland forschen. So existiert bisher kaum öffentliches Wissen über widerständige Sozialarbeitspraktiken und deren Bezüge auf die deutsche Kolonialherrschaft und deren Folgen.

Postkoloniale Archivstudien als Lehrmethode

Der Fokus des Projekts liegt auf der diskursanalytischen Untersuchung von Archivmaterialien und anderen historischen Quellen, die Spuren kolonialer und rassistischer Wissensordnungen enthalten. Diese Forschung mit historischen Dokumenten, die verstreut in einer Vielzahl von Archiven weltweit bewahrt werden, wird gemeinsam mit Schüler*innen und Studierenden pädagogischer und sozialpädagogischer Ausbildungs- und Studiengänge unternommen. Ziel der forschenden Archivarbeit in den Lehrveranstaltungen ist, diese Wissensbestände kritisch zu beleuchten und in ihren historischen Kontexten und ihren Kontinuitätslinien zu dekonstruieren. Indem Studierende und Forschende gemeinsam (post)koloniale und widerständige Narrative in den Quellen analysieren, können reflexive Prozesse für eine kolonialismus- und rassismuskritische Ausbildung angestoßen werden. 

Im Projekt werden diese methodischen Ansätze dokumentiert, ausgewertet und – neben zentralen Ergebnissen aus den Lehrforschungsprojekten – veröffentlicht. Zusätzlich werden ausgewählte Archivdokumente für den Einsatz in der Lehre aufbereitet und zur Verfügung gestellt.


Information about the project

The research project „Social Work as a Colonial Knowledge Archive?“ examines the colonial entanglements of social work between the 1880s and 1930s. One key objective is to analyze the profession’s emergence within the context of colonial rule and to uncover how this past continues to shape the present. Additionally, the project seeks to identify and acknowledge the role of (resistant) Black (German) people, People of Color, and (post-)colonial migrants as active agents in the broader field of social work in Germany. Recognizing these hidden figures and organizations is essential to disrupting dominant narratives that frame social work as a predominantly white field, where BIPoC are, if mentioned at all, represented only as passive, needy, or victims.

Teaching-Based Research and Critical Reflection on Colonial Continuities

At the heart of the project are teaching-based research initiatives within social work and pedagogy programs, where students conduct archival studies and critically examine colonial continuities within their professions. This work results in the development of educational materials and teaching concepts for archive-based seminars. The goal is to foster self-critical and power-conscious learning processes while promoting and inspiring decolonial approaches in education.

Racism-critical workshops serve as open spaces for reflection, where students engage with the lasting effects of racism and colonial violence present in archival documents. However, this violence is not limited to historical sources—it also manifests in educational settings, which predominantly center white perspectives.

Historical Connections Between Social Work, Pedagogy, and Colonialism

Our project traces the origins of modern social work as a profession, which coincided with Germany’s period of colonial rule. In 1893, when European colonial powers divided the African continent—without involving local populations—Germany became the third-largest colonial power. That same year, the radical wing of the Berlin women’s movement founded the Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit (Girls‘ and Women’s Groups for Social Assistance), which gave rise to several organizations and methods still influential in professional social work today. Many white German pioneers of early social work were also involved in the colonial movement, establishing direct connections between the women’s social initiatives and colonial organizations.

Following the principle of „dig where you stand,“ we focus on institutions rooted in this early white German women’s movement—institutions where we, as researchers, are professionally engaged today. This includes Alice Salomon’s Soziale Frauenschule (founded in 1908), which, along with the Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin, became one of the most influential training institutions for social pedagogy and social work. Both still exist today and maintain archives that provide starting points to research on colonial entanglements.

Around the same time, Germany’s first colonial women’s school was established in Bad Weilbach, training white middle-class women for their imperial roles in German colonies. These schools, shaped by racist and Eurocentric ideologies of superiority, provided education in domestic skills, pedagogy, nursing, and „ethnology“—all aimed at stabilizing colonial rule. We analyze these colonial schools as a key pillar of the colonial project, positioning white German women as embodiments of „German order and discipline.“ Their role was to dedicate themselves to the „civilizing mission“ and to spread German culture (Deutschtum).

These institutions relied on (social) pedagogical knowledge structures that were also deeply intertwined with colonial ideologies of domination. Simultaneously, they promoted the idea of the white German woman as the „mother of the nation,“ contributing to the stabilization of colonial rule through so-called cultural work. Notably, this did not contradict the feminist aspirations of the time—rather, it was framed as a legitimate means of empowerment.

The colonial dimensions of the women’s movement’s social and educational work functioned as a tool of control not only in the colonies but also in metropolitan centers. Colonial narratives shaped descriptions of white, precarious social work recipients, who were often depicted as „uncivilized“. Similarly, within the international collaboration of white women in social work, racism and colonialism were rarely challenged in a self-critical way. Instead, social work established itself as a white space, where Eurocentric concepts of social order, education, labor, and family life were reproduced.

Decolonizing Social Work: Researching BIPoC Contributions

Beyond engaging in critical whiteness research to examine social work’s colonial legacy, our project seeks to recover and center the perspectives and (resistant) practices of BIPoC within early social work and pedagogy. Due to historical and racist power dynamics that shaped archival omissions and memory cultures, this research depends on the work of BIPoC scholars and communities in Germany and beyond, who often lead the research on the presence and contributions of BIPoC in Germany (cf. Showing our Colors, 1992 by Katharina Oguntoye, May Opitz and Dagmar Schulz). Public knowledge about resistant social work practices in relation to German colonialism and its consequences remains scarce.

Postcolonial Archival Studies as a Teaching Method

The project focuses on discourse analysis of archival materials and historical sources that contain traces of colonial and racist knowledge structures. These archival studies—conducted in collaboration with students from social work and pedagogy programs—examine historical knowledge formations and their ongoing legacies. The goal is to critically analyze and deconstruct these sources within their historical contexts and lines of continuity. By jointly examining (post)colonial and resistant narratives, students and researchers engage in reflexive processes aimed at fostering an anti-racist and decolonial approach to social work education.

The project documents these methodological approaches, evaluates them, and makes both key research findings and archival materials available for educational use.